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Agentic Commerce: Wie KI-Agenten den Onlinehandel in den nächsten 5 Jahren umkrempeln

Beitrag von Pascal Beij, Chief Commercial Officer

09.12.2025
5 Minuten

Von autonomen Preisverhandlungen bis hin zu unsichtbaren Zahlungen im Hintergrund – KI-Agenten stehen kurz davor, das Einkaufen grundlegend zu verändern. Schon bald übernehmen sie Standardbestellungen, verhandeln in Echtzeit bessere Konditionen und lassen den klassischen Warenkorb verschwinden. Doch wie bereiten sich Händler jetzt auf den agentischen Handel vor – und welche Risiken müssen sie im Blick behalten? 

Stellen Sie sich vor, Ihre Kundinnen und Kunden übergeben einer Künstlichen Intelligenz die komplette Abwicklung ihres Einkaufs – von der Produktsuche bis zum finalen Bezahlvorgang. Im sogenannten „Agentic Commerce“ übernehmen intelligente Agenten nicht nur beratende Aufgaben, sondern greifen aktiv in den Handelsprozess ein: Sie durchsuchen Sortimente, prüfen Verfügbarkeiten, vergleichen Alternativen und stoßen Bestellungen sowie Zahlungen selbstständig an – ganz ohne menschlichen Klick. Für Onlinehändler eröffnet dies enorme Potenziale, stellt aber gleichzeitig hohe Anforderungen an Datenmanagement, IT-Architektur und Compliance. 

Vorteile für Verbraucher und Händler

Das Marktpotenzial von Agentic Commerce ist enorm. Verbraucher profitieren vor allem von Zeitersparnis und Komfort: Die KI übernimmt aufwendige Recherchen, wägt Optionen objektiv nach Preis-Leistung und definierten Parametern ab – unabhängig von emotionaler Markenbindung oder impulsiven Entscheidungen. 

Auch Unternehmen gewinnen: KI-Agenten können Lieferketten überwachen, Lagerbestände optimieren und Nachbestellungen automatisiert auslösen. In Echtzeit führen sie Preisverhandlungen, reagieren blitzschnell auf Wettbewerbsangebote und sorgen so für effizientere Abläufe und bessere Konditionen. Darüber hinaus entstehen neue Geschäftsmodelle, etwa Abo-Agenten, die wiederkehrende Bestellungen vollautomatisch abwickeln, oder Preisjäger-Agenten, die jederzeit nach den besten Deals suchen – ohne dass Kunden selbst aktiv werden müssen. 

Das Potential von agentenbasiertem Handel ist groß. Analysten prognostizieren, dass bis zum Jahr 2029 bereits zwischen ein und vier Prozent aller digitalen Transaktionen durch KI-Agenten ausgeführt werden könnten. Insbesondere standardisierte und wiederkehrende Bestellvorgänge, etwa Abo-Modelle für Verbrauchsmaterialien, bieten sich für eine hohe Automatisierungsrate an. Zudem könnte der Einsatz von KI künftig zu einer höheren Konversionsrate führen, da der menschliche Entscheidungsfaktor entfällt.  

Unsichtbare Zahlungen und Dauerbetrieb

Der traditionelle Einkaufsprozess erfährt durch KI eine große Veränderung. Zahlungen werden künftig aus dem Hintergrund ausgelöst - ohne aktiven Zutun der Nutzer. Shopping wird zum automatisierten Dauerzustand: Die KI überwacht rund um die Uhr Preise, bestellt nach und reagiert in Echtzeit. 

Für Händler verschiebt sich der Fokus vom klassischen Marketing auf die technische Auffindbarkeit und maschinenlesbare Präsentation ihrer Angebote. Anstelle von Warenkörben kommunizieren KI-Agenten über ein leistungsfähiges API-Ökosystem direkt mit Produktsuche, Verfügbarkeitsprüfungen und Bezahlstrecke. Produktdaten müssen daher hochgradig maschinenlesbar aufbereitet sein. Das bedeutet auch, dass SEO und Performance-Marketing durch „Agent Experience Optimization” (AXO) ersetzt werden müssen - also die Optimierung von Datenstrukturen für KI-Agenten.  

Herausforderungen

So viele Chancen Agentic Commerce bietet, so groß sind die Herausforderungen. Denn bisher war der gesamte Zahlungs- und Handelsprozess auf den Menschen als Entscheider ausgerichtet. KI-Agenten unterbrechen das Muster: Der Mensch wird aus dem Zahlungsvorgang herausgelöst. 

Mit diesem Paradigmenwechsel hin zu autonomen Agenten rücken Steuerungs- und Governance-Fragen in den Vordergrund: Händler müssen festlegen, welche Budgetlimits gelten, welche Qualitätskriterien eine Bestellung erfüllen muss und wo ethische oder rechtliche Schranken gezogen werden. Ebenfalls ungeklärt ist die Frage der Rückabwicklung: Wer haftet, wenn ein Agent versehentlich Produkte ordert oder falsche Zahlungen auslöst? Sind automatisierte Retourenprozesse möglich, und wie schnell kann ein menschlicher Support eingreifen? Hinzu kommt ein breites Spektrum an Datenschutz- und Compliance-Anforderungen. 

Zugleich sind viele rechtliche und regulatorische Fragen noch unbeantwortet. Der Gesetzgeber wird gefordert sein, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich Agentic Commerce sinnvoll, sicher und im Sinne der Verbraucher entfalten kann. 

Praxisbeispiele und Entwicklungen im Markt

Zwar steckt agentenbasierter Handel noch in den Anfängen, die Entwicklung schreitet aber schnell voran. Ein Beispiel: Das US-Unternehmen Perplexity, ein Anbieter generativer KI mit Commerce-Fokus, brachte im September 2024 einen KI-Agenten auf den Markt, der Bestellungen eigenständig ausführen konnte. Zwar benötigte der Agent für den einfacheren Kauf von Zahnpasta gleich zwei Versuche und mehrere Stunden, was zeigt: der Weg zur flächendeckend praxistauglichen Lösung ist noch weit, die Richtung aber klar.  

Weitere große Zahlungsdienstleister investieren in den Bereich, wie Visa und Mastercard, die Anfang 2025 neue Services rund um AI-Commerce ankündigten.   

Plattformanbieter senken zudem die Integrationshürden, indem sie leicht einbindbare, KI-kompatible Schnittstellen und Prozesse bereitstellen, sodass auch Nicht-Programmiererden Einstieg in KI-gestützte Abläufe finden.

Fazit: Die Zukunft ist zum Greifen nah

Die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz zeigt: Agentic Commerce ist keine Vision für die ferne Zukunft mehr, sondern schon heute greifbar. Um auf Perplexity zurückzukommen: Knapp sechs Monate später konnten US-Kunden bereits Reisen buchen, Produkte bestellen oder Tickets kaufen. Der Grundstein für autonomen Handel ist damit gelegt. 

Agentic Commerce besitzt das Potenzial - solange Nutzer breit sind sich darauf einzulassen - das gesamte Einkaufserlebnis zu revolutionieren: Onlinehändler, die jetzt ihre Produktdatenqualität verbessern, API-Architektur und Payment-Infrastruktur modernisieren sowie Compliance- und Security-Strategien anpassen, können sich entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern. 

Über Pascal Beij

Pascal Beij ist als Chief Commercial Officer (CCO) maßgeblich für die Umsetzung der Wachstumsstrategie von Unzer verantwortlich. Unter seiner Führung entwickelt Unzer ein integriertes Ökosystem, das Händler entlang der gesamten Zahlungsabwicklung unterstützt und ihre digitale Transformation fördert. Ziel ist es, nahtlose und einfach integrierbare Zahlungs- und Softwarelösungen bereitzustellen, die Unternehmen helfen, ihre Prozesse zu digitalisieren und auf veränderte Kundenerwartungen zu reagieren. Dabei setzt Unzer insbesondere auf branchenspezifische Software- und Zahlungslösungen zur Stärkung kleiner und mittelständischer Unternehmen.